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STADA Gesundheitsreport 2017

Jungen Erwachsenen fehlt die Gesundheitsbildung

"Generation Ahnungslos“ in Gesundheitsfragen
Die Ergebnisse sind alarmierend: Der Mehrheit der jungen Erwachsenen fehlt es an Gesundheitskompetenz. 49 Prozent von ihnen verfügen über eine problematische, 17 Prozent sogar über eine inadäquate Gesundheitskompetenz. Nur 34 Prozent haben eine ausreichende Gesundheitskompetenz, geprüft durch eine international vergleichbare, wissenschaftliche Standard-Erhebung (Health Literacy Survey). Die Defizite machen sich bemerkbar: Die jungen Erwachsenen finden sich mühsamer im Gesundheitssystem zurecht, können Anweisungen von Ärzten schwieriger verstehen und sich schlechter um ihre eigene Gesundheit kümmern. Um herauszufinden, wo die blinden Flecken besonders groß sind, wurde die Gesundheitskompetenz auf weitere relevante Fragestellungen aus dem Alltag übertragen. Auch hier zeigten sich bedenkenswerte Irrtümer.

Doppelinterview: "Es findet keine Gesundheitsbildung statt"


Dr. med. Johannes Wimmer ist als Mediziner, Buchautor und Fernsehunterhalter tätig. Ihm war schnell klar, dass er an die Öffentlichkeit wollte, um vor allem eines zu erreichen: die Verbesserung der Arzt-Patienten-Kommunikation. Im November 2015 veröffentlichte er sein erstes Buch »Fragen Sie Dr. Johannes«, im April 2016 erschien das zweite Buch »Alles über die Haut«, das es auf die »SPIEGEL Bestsellerliste« schaffte. Dr. Wimmer hat eine eigene Sendung im NDR (»Wissen ist die beste Medizin«) und hält Vorträge auf gesundheitspolitischen Kongressen und Tagungen.

 

Prof. Dr. Klaus Hurrelmann ist Sozialwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Jugend-, Bildungs- und Gesundheitsforschung. Er wurde 1975 zum Professor an der Universität Essen ernannt, wechselte 1979 an die Universität Bielefeld und arbeitet seit 2009 als Senior Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin. Hurrelmann leitete mehrere Kinder- und Jugendstudien und gehört dem Leitungsteam der World Vision Kinderstudien sowie der Shell Jugendstudien an. Aus seiner internationalen Arbeit ergaben sich Gastprofessuren an der New York University für Public Health und an der University of California in Los Angeles gearbeitet.

Fragen & Antworten

Die Studienergebnisse zeigen: Vielen jungen Deutschen fehlt es an Gesundheitskompetenz. Wie erklären Sie sich das?

Prof. Hurrelmann: Die Befragten befinden sich in einer Lebensphase, in der das Thema Gesundheit für sie nicht wirklich »akut« ist. Sie haben noch keinen echten Bezug dazu und leben einfach in den Tag hinein. Daher informieren sie sich nicht proaktiv über Gesundheitsthemen. Gleichzeitig findet Gesundheit auch in der Schule nur selten statt, sodass die jungen Menschen auch nicht »von außen« mit dem Thema onfrontiert werden.

Dr. Wimmer: Exakt, es findet eigentlich keine Gesundheitsbildung statt. Von wem sollen die Menschen es also lernen? Früher gab es klassischerweise die Oma, die einschätzen konnte, wann etwas schlimm ist und wann man zum Krankenhaus muss. Auch das war natürlich schon nicht optimal. Und die Welt heute ist noch komplexer geworden, ohne dass wir die Menschen in puncto Gesundheit mitgenommen haben.

Spricht das dafür, dass Gesundheit in der Schule eine größere Rolle spielen muss?

Dr. Wimmer: Unbedingt. Gesundheit ist ein Bildungsproblem. Daher muss das Thema in der Schule einen festen Platz finden. Und es muss in der Schule auch besser vermittelt werden. Besser bedeutet in diesem Fall, dass die Schüler es verstehen, ohne dabei einzuschlafen. Denn per se ist Gesundheit kein spannendes Thema für gesunde Menschen, deshalb muss es sehr praxisorientiert vermittelt werden.

Prof. Hurrelmann: Ich sehe das auch so. Gesundheit braucht einen festen Platz im Schulsystem – ob als eigenes Fach oder als stärkere Integration in andere Fächer. Einige Kollegen und ich fordern das schon seit längerer Zeit, daher habe ich mich sehr gefreut, dass sich auch die jungen Erwachsenen selbst zu so großen Teilen ein Schulfach Gesundheit wünschen. Die Generation scheint zu spüren, dass Gesundheit ein extrem wichtiges Thema ist, auf das sie besser vorbereitet werden möchte. Ich bin überzeugt, dass man Gesundheit sehr spannend vermitteln kann.

Ob der fehlenden Gesundheitsthemen in der Schule informieren sich viele Menschen bei anderen Quellen, zum Beispiel vor allem bei ihren Eltern oder im Internet. Wie bewerten Sie das?

Prof. Hurrelmann: Das ist nicht zufriedenstellend, das muss man so deutlich sagen. Die Schule müsste dabei eigentlich einen viel wichtigeren Platz einnehmen. Wir können uns hier auch andere Länder zum Vorbild nehmen, die beispielsweise regelmäßig Ärzte, Physiotherapeuten oder Ergotherapeuten in den Schulalltag einbinden und damit gute Erfahrungen machen. So wird das gesamte Thema präsenter.

Fehlendes Wissen zeigte sich vor allem in puncto Anwendung von Antibiotika und Antibiotikaresistenz, obwohl dieses Thema zuletzt immer wieder auch öffentlich stattfand. Wieso gibt es hier trotzdem noch so große blinde Flecken?

Dr. Wimmer: Das ist tatsächlich sehr bedenklich und liegt leider auch an uns Ärzten. Wir schaffen es offensichtlich nicht, die richtige Einnahme von Antibiotika und mögliche Folgen von falscher Anwendung hinreichend zu erklären. Das hängt vor allem damit zusammen, dass Ärzte zu wenig Zeit haben, gleichzeitig aber auch nicht auf hilfreiche Videos oder Inhalte im Internet verweisen können – weil es solche noch kaum gibt.

Prof. Hurrelmann: In Teilen ist das Thema für viele Befragte schlicht noch wenig relevant. Junge Menschen sind selten chronisch krank und müssen sich keine Gedanken über dauerhafte Anwendung von Antibiotika machen Es ist dann aber wichtig, dass sie wissen, wo sie sich seriös informieren können, wenn es so weit ist – hier spielen die von Dr. Wimmer angesprochenen Medien eine große Rolle. Auf der einen Seite muss es die Inhalte geben, auf der anderen Seite müssen die Menschen auch genug Medienkompetenz besitzen, um die Inhalte aufzunehmen und zu verarbeiten.

Als große Unbekannte kristallisierte sich auch das Gesundheitssystem heraus. Ist unser System zu komplex oder wird es nicht gut vermittelt?

Dr. WimmerNatürlich ist das System nicht ganz einfach, aber das erklärt nicht die großen, bedenklichen Wissenslücken. Wer das System nicht kennt, findet sich auch nicht darin zurecht. Das ist ungefähr so, als würde ich in die USA fliegen wollen, wüsste aber nicht, was ein Reisepass ist oder dass ich ihn für die Einreise brauche.

Welche Ergebnisse haben Sie am meisten überrascht?

Prof. Hurrelmann:  Der Unterschied zwischen jungen Männern und jungen Frauen. Junge Frauen informieren sich häufiger über Gesundheitsthemen, schätzen ihr Wissen besser ein und wissen am Ende auch besser Bescheid. Das macht deutlich, dass sich Frauen bereits in diesem Alter schon mehr Gedanken um das eigene Wohlbefinden machen. Das setzt sich – wie andere Studien belegen – auch im weiteren Verlauf des Lebens fort. Daher gehen vermutlich auch immer mehr Frauen in Gesundheitsberufe. Im Medizinstudium liegt die Quote der Studentinnen bei rund 65 Prozent. Gesundheit wird zukünftig ein Feld, das von Frauen dominiert wird.

Dr. WimmerDa kann ich Prof. Hurrelmann nur zustimmen. Für mich als Arzt war es natürlich noch spannend, dass sich nur wenige junge Menschen den Kontakt zum Arzt per Webcam vorstellen können. Das widerspricht dem sonstigen Onlineverhalten. Ich erkläre mir das dadurch, dass junge Erwachsene in der Regel akute Probleme wie Grippe oder Erkältung haben und sich nicht vorstellen können, wie ihnen ein Arzt per Webcam helfen soll. Vor allem für chronische Patienten kann der Onlinekontakt zum Arzt aber extrem wertvoll und zeitsparend sein.

Welche Ergebnisse betrachten Sie als besonders kritisch?

Dr. Wimmer: Die fehlende Gesundheitskompetenz als solche. Heilen muss sich der Mensch immer selbst. Ärzte bieten Hilfestellungen, die Genesung findet in der Regel aber zu Hause statt. Und dann muss ich als Patient verstehen, was ich wie machen muss und was es für Konsequenzen hat, wenn ich etwas nicht mache. Wenn ich das nicht verstehe, wird es schwierig.

Prof. Hurrelmann: Ich empfinde auch die fehlende Vermittlung als sehr kritisch. Die junge Generation muss sich noch nicht mit Gesundheitsfragen beschäftigen, weil sie in der Regel gesund ist. Trotzdem wird in jungen Jahren der Grundstein gelegt. Es muss hier gelingen, Gesundheitsbildung schon in der Schule so an die Menschen heranzutragen, dass sie den Mehrwert erkennen und Spaß daran haben, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.